Wie Bands Mobbing in ihren Songs behandeln

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Rise Against, Tote Hosen und Linkin Park: Drei Beispiele

Mobbing, Depression, Suizid mit solch ernsten Themen beschäftigen sich Indie-Songs nicht selten. Folterskandale durch Wachpersonal in Flüchtlingsheimen zeigen wie akut diese Herausforderungen für unsere Gesellschaft sind. Für Betroffene ist in  schwierigen Situationen allerdings der persönliche Umgang mit sich bedeutender.

Auf den ersten Blick sind solche Lieder ähnlich. Der Sound ist hart, die Gitarren laut und die Message erscheint gleich. “I Don’t Want To Be Here Anymore” von Rise Against (2014), “Numb”  von Linkin Park (2003) oder auch “Pushed Again”  von den Toten Hosen (1998) sind alle aus der Ich-Perspektive verfasst. Das „Ich“ fühlt sich bedrängt, kann den Druck nicht mehr ertragen, der auf ihm lastet  und will nicht weiter abhängig sein. Die Hauptfiguren haben es in allen drei Liedern satt. Die Message ist zwar in den Liedern gleich, es gibt aber auch Unterschiede.

 

1. I Don’t Want To Be Here Anymore

Der aktuelle Hit von Rise Against “I Don’t Want To Be Here Anymore” ist sehr eingängig, weil sich vor allem der Refrain oft wiederholt: “Ich will nicht mehr hier sein. Ich weiß, dass nichts übrig geblieben ist, für das es wert wäre hier zu bleiben. Ich will nicht mehr hier sein.“ Egal, wie man diesen zentralen Satz interpretieren will: als politische Aussage oder als Hilfeschrei. Der Frontmann Tim McIlrath versteht diesen Satz als Startpunkt und nicht als Endpunkt. Also als Weckruf. Trotzdem handelt sich, um einen Gedanken. Diesen kennen die Menschen überall auf der Welt. Vermutlich ist der Song deshalb so beliebt. Das Konzept des Songs ist aber nicht neu.

2. Pushed Again

Mögliche Mobbing-Folgen, die bis zum Suizid reichen, schildern auch die Toten Hosen. „Eine starke Hand schüttelt mein Bett. Ich wache auf und ich fühle die Spannung“, einleitend beschreibt Campino in seinem Song Pushed Again (1999) eine subtile Mobbinghandlung und seine Wirkung auch ihn. Der Songwriter sagt selbst über den Text, dass es ein harter Psychosong um einen Typen sei, der in der Klapse liegt und keinen Bock mehr auf sein altes Leben hat.

Was heißt eigentlich Pushed Again?

„Don’t push me!“, sagen die Briten gerne. Das heißt so viel wie zwing mich nicht etwas zu machen was ich nicht will. Im Song Pushed Again von den Toten Hosen (1998) nimmt Sänger Campino die Sicht eines ausgegrenzten Patienten ein. Der Text gibt aber nicht nur Einblick in seine Gedanken, sondern er zeigt auch einen inneren Dialog, den wir alle kennen. Jemand ist „pushed“, sobald er irgendwie unter Druck steht. „Pushed“ ist im Sinne von wieder unterdrückt, bedrängt oder auch gemobbt zu verstehen.

„Ich fühle mich wieder unterdrückt“, dieser Satz, der wie ein Gefühlsausdruck klingt, ist eigentlich ein Opfergedanke: „Der unterdrückt mich.“ Dieser Gedanke treibt ihn in die Isolation: „Einsamkeit ist ein treuer Freund.“ Denn solange wir uns einsam fühlen und unsere Aufmerksamkeit auf unsere Gedanken gerichtet ist, ziehen wir uns zurück.

3. Numb

Die Amerikaner Linkin Park beschäftigen sich auch in vielen Ihrer Lieder mit Ausgrenzung und seelischen Erkrankungen. In ihren Song „Numb“, das auf Deutsch gefühllos bedeutet, singen sie: „Ich wurde so gefühllos, dass ich dich dort nicht spüren kann. Ich wurde so müde. Mir wurde immer mehr bewusst. Alles was ich will. Ist mehr wie ich zu sein und weniger wie du.“

Worum geht’s?

Das Lied „Numb“ handelt von einer Person, die nicht mehr so sein will, wie sie die anderen gern hätten: Sie leidet, darunter ständig die Erwartungen anderer zu erfüllen. So wurde sie „numb“, also gefühllos und kann sich deshalb in die anderen nicht mehr einfühlen. Die Person im Text wollte in die Fußstapfen von jemand anderes zu treten. Doch dabei verliert sie ihr eigenes Leben.

Im Video spielt ein Mädchen die Hauptrolle. Sie ist unterschiedlichen Mobbinghandlungen ausgesetzt: Im Lehrsaal, im Uni-Campus und anderen Plätzen. Die Person gerät zunehmend in einen Sog, weil sie eigene Träume zurückstellt. Doch sie möchte sie selbst sein: “more like me and less like you”.

Sie stört, dass sie kontrolliert wird. Sie driftet immer weiter ab und der Kontakt zu ihren Eltern und ihrer Umwelt wird zunehmend schlechter. Ihr Grundgefühl ist Angst. Dieses will ausgedrückt werden. Deshalb malt sie gerne Engel und lässt ihrer Aggression im Video freien Lauf. Wild spritzt sie Farbe auf eine Leinwand. Danach wirkt sie erleichtert.

Was können Betroffene für sich selbst tun?

“Achte auf deine Gedanken”, sagen die Buddhisten. Die drei Songs verdeutlichen, wie durch unsere Gedanken Gewalt gegen uns selbst und andere entsteht. Psychologen raten deshalb, den eigenen Gedanken zuzuhören, also die Wut und die “Ärgershow” zuzulassen. Aber nur  in unserem Kopf.  Denn unser Gegenüber kann nichts dafür, dass wir sauer sind. Es liegt viel mehr an unserem bewerten. Bedeutend ist es sich zu Fragen, welches Gefühl hinter dem Ärger steckt, die Bedürfnisse zu erkennen und anschließend Bitten zu finden. Diese helfen dabei, das Bedürfnis zu erfüllen.

Zu beachten ist dabei, dass Gedanken oft mit Gefühlen verwechselt werden. Diese falschen Gefühle werden auch als Opfergedanken bezeichnet. Ein echter Gefühlsausdruck klingt so: „Ich fühle mich traurig, etc. “. Statt: „Ich will nicht mehr hier sein“ oder „Ich fühle mich unterdrückt?“ Besser: „Ich bin gefühllos oder müde?“.

Mobbing: Ein weites Feld

In den letzten Jahren ist das Thema Mobbing zunehmend in unser Bewusstsein gerückt. Dies hat in der Schule zu einigen sinnvollen Projekten geführt. Ich habe mich intensiv mit den Mobbing-Songs auseinandergesetzt, weil ich weiß, dass es in unserer Gesellschaft neben der Schule noch andere Mobbing-Baustellen gibt. Diese sind im Buch “Mobbing im Heim-Gewaltfreie Lösungswege”  genauer beschrieben. Insgesamt stimme ich Sigmund Freud zu, wenn er meint: “Bevor man bei Sich eine Depression oder geringes Selbstwertgefühl diagnostiziert, sollte man sicher gehen, dass man nicht nur von Arschlöchern umgeben ist.”

 

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